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Wohnungsnot in Wermelskirchen
Autor: Theresa Demski -

Pandemie sorgt für mehr Wohnungsnot

Mehr als 750 Frauen und Männer im Rheinisch Bergischen Kreis suchten 2021 Unterstützung beim Netzwerk „Wohnungsnot RheinBerg“, um ein Dach über dem Kopf zu haben – 27 von ihnen kamen aus Wermelskirchen.

Gerade noch hält sich die Familie einigermaßen über Wasser, kann mit großer Anstrengung die monatliche Miete überweisen, da meldet der Arbeitgeber Kurzarbeit an. Das Geld wird knapper. Die ersten Mieten werden nicht mehr überwiesen. Plötzlich ist die Familie von Wohnungslosigkeit bedroht. „Die Pandemie hat für manche Menschen weitreichende Folgen“, sagt Judith Becker (Foto: Caritas), Leiterin des Netzwerks „Wohnungsnot RheinBerg“. Und so stieg im vergangenen Jahr auch die Zahl derer, die sich in ihrer Not an das Netzwerk wandten – insgesamt 753 Menschen aus dem ganzen Kreis nahmen das Angebot von Diakonie und Caritas an. 57 mehr als noch im Vorjahr. Die größte Zahl der Klienten des Netzwerks kommt aus Bergisch Gladbach. In Wermelskirchen zählten die Berater 27 Menschen, die um Unterstützung baten – das sind vier Prozent aller Kontaktaufnahmen.

„Bei mehr als der Hälfte der Rat- und Hilfesuchenden war die Unterkunftssituation bereits ungesichert“, stellt Judith Becker in dem Jahresbericht fest. Das heißt: Betroffene waren bereits in kommunalen Obdächern untergekommen oder schliefen in Gartenlauben, im Auto oder auf der Straße. „Aber auch Menschen, die sich in prekären Wohnsituationen befinden, melden sich bei uns“, sagt Judith Becker. Umso früher, desto besser. 306 Hilfesuchten lebten 2021 bei der Kontaktaufnahme mit dem Netzwerk noch in ihren Mietwohnungen. Wegen mietwidrigen Verhaltens (13 Prozent), Mietrückständen (14 Prozent) oder einer Trennungssituation (elf Prozent) galt ihr Wohnraum als gefährdet.

„Es ist wichtig, sich in diesen Situationen professionelle Hilfe zu holen“, betont die Leiterin des Netzwerks. Um die Hemmschwellen möglichst niedrig zu halten, sind die Berater im ganzen Kreis unterwegs – in Wermelskirchen machen sie regelmäßig im Waschcafé an der Eich und mit Beratungsmobil am Jobcenter Halt. Es gibt auch Klienten, die sich selbst an das Netzwerk wenden und Kommunen, die für den Erstkontakt sorgen. Dann kommen die Fachleute des Netzwerks mit den Menschen ins Gespräch. „Wir beraten und unterstützen, zeigen neue Perspektiven auf, helfen, die Wohnungsnot zu überwinden und den sozialen Abstieg zu stoppen“, erklärt Becker.

Oft sei die Wohnungsnot mit Schwierigkeiten in mehreren Lebensbereichen verbunden. Bei 42 Prozent der Hilfesuchenden war eine Schuldenproblematik bekannt, 72 Prozent der Menschen waren arbeitslos. „Viele Klienten können nicht mehr auf verlässliche soziale Kontakte zurückgreifen“, erklärt Becker. Diese Situation belaste auch die Psyche der Menschen, wissen die Fachleute des Netzwerks. „Viele Hilfesuchende fühlen sich am Rande unserer Gesellschaft und ausgegrenzt vom normalen Leben. Sie erleben Einsamkeit, Armut, Krankheit, Kälte und Resignation“, sagt Judith Becker.

Damit ist auch das Aufgabenfeld der Berater vielseitig. In der Landesinitiative „Endlich ein Zuhause“, die vom Netzwerk umgesetzt wird, arbeitet ein multiprofessionelles Team aus Sozialarbeitern und Immobilienfachkräften zusammen – um drohenden Wohnungslosigkeit abzuwenden und bestehende Wohnungslosigkeit zu beenden. 96 Haushalte konnten im vergangenen Jahr mit einem Dach über dem Kopf versorgt werden. Mal führten die Fachleute vermittelnde Gespräche mit Vermietern, ein anderes Mal suchten sie nach neuen Wohnungen – und begleiteten die Klienten auf ihrem Weg. Dank der Landesinitiative „Präventiver Wohnraum“ konnten 56 Haushalte vor Wohnungslosigkeit gerettet werden – zehn durch die Sicherung der bisherigen Wohnung und 46 durch die Anmietung einer neuen Wohnung. 122 Menschen, davon 46 minderjährige Kinder, bekamen so ein Dach über dem Kopf. Währenddessen richtet sich die Landesinitiative „Aktivierende Hilfen für Menschen in Obdächern“ an Bürger, die ihr Zuhause bereits verloren haben. 40 Haushalte zogen im vergangenen Jahr kreisweit von der Obdachlosenunterkunft in eine Mietwohnung um – insgesamt 68 Menschen, davon 17 minderjährige Kinder.

In der Pandemie bemühte sich das Netzwerk übrigens auch für um Impfaktionen für Obdachlose – im Juni 2021 fanden kreisweit 22 Impfaktionen am Beratungsmobil und an kommunalen Obdächern statt, im Dezember wurden zwölf Impfaktionen angeboten.